Die offene Eitelkeit steht der rückhaltlosen Aussprache weniger entgegen als die versteckte, zurückgehaltene Eitelkeit. Erinnert sich nch jemand an Fritz J. Raddatz? Seine Tagebücher zeigen zwar seine gewisse Eitelkeit, doch er wusste schon, dass er beibErscheinen seines Tagebuchs das Leben verlassen wollte. Gibt es noch Schreiber, die so offen sind?
Eitle Menschen, deren Streben in die Sichtbarkeit oder sogar Auffälligkeit nicht nur auf blanker Dummheit beruht, solche Menschen sind manchmal weniger langweilig als diejenigen, die nicht auffallen wollen. Raddatz habe „heutigen Kuturbetrieb für medioker gehalten“.
Der große Auftritt, die Mittelpunktposition, für andere zum Gespräch zu werden, ist anstrengend. Man muss dafür das Gewöhnliche verschmähen und mehr aussprechen, als andere sich trauen.
Karl Lagerfeld, literarisch enorm belesen, war auch ein Fels dieser offenen Eitelkeit.
Mir fehlt sie völlig, dennoch habe ich gegen die Eitelkeit des Geistes wenig einzuwenden. Nimmt jemand den Gegenpol zum Smalltalk ein, finde ich das immer belebend.
- Wenn die Eitelkeit ins Schreiben einzieht, wird es aber praktisch immer fatal.
Bei den einen führt sie zu Krampf (der akademische Slang und alle seine Derivate in Wirtschaft und Gesellschaft), bei anderen zu Murks bis zum restlosen Aufopfern des Verstands. Beispiele gibt es viele. Star-Kolumnisten, Einweihungsreden von Kleinstadtbürgermeistern, Vorworte zu Festschriften etc. ad infinitum.
Die Schriftsteller oder mit dem schöneren Wort gesagt: die Dichter, die noch imstande sind, bei daher gefaselten, modisch „topaktuellen“ oder besonders kostbaren Wörtern zusammenzuzucken, suchen ihren eigenen Weg.
Die meisten spüren das Problem nicht.
Thomas Mann war in puncto Eitelkeit ohne jede Scham. Er war einer der letzten, die unbedingt großbürgerlich, herrschaftlich sein wollten.
Brecht fand das vornehme Gedrechsel abscheulich. Und lag damit im Haupttrend der deutschen Literatur nach dem ersten Weltkrieg. Heute ist die Upper-Class-Prosa nur noch Nische. Schnell preisverdächtig hochgelobt, die breite Leserschaft jedoch wird so gut wie nur noch warm mit Büchern, die im aktuellen Umgangston bleiben.
Egal. Zurück zum Thema. Die sprachliche Eitelkeit ist der Punkt, wo ich gerne mehr auf der Hut wäre. Eher öfter als selten tritt mir ein Satz , den ich geschrieben habe, nach wenigen Tagen in den Hintern. Zu gestelzt, zu viele Wörter für null Ertrag, zu viel poliert, daneben gegriffen im Ausdruck, um etwas schön auszudrücken.
Das Ideal wäre uneitel, und trotzdem jenseits des Smalltalks bzw. des Small-Writings.
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