Menschen wollen harmonieren

Das Problem, wenn man den Schwarm-Begriff soziologisch nutzen will, ist sein Hintergrund in der Biologie. Die Herkunft öffnet Missverständnissen Tür und Tor. Die einen sehen Abgrenzungsbedarf (“ist doch alles beim Menschen ganz anders”), mal zur Analogisierung (“hier verhalten sich Menschen ganz wie ein Schwarm”), mal zu Anekdoten über punktuelles Schwarmverhalten und „Gleichschaltungen“ (z.B. im Faschismus hätten sich Menschen wegen eines plötzlichen Schwarmbedürfnisses gedankenlos gleich verhalten).

Fruchtbarer wird es mE, wenn man die Metapher “Schwarm” auflöst und auf den Inhalt achtet, der den Begriff dominiert: Synchronisation von Verhalten.

Geht man davon aus, das “Schwarmverhalten” synchronisiertes Verhalten ist (das kommt der Luhmann’schen “Symbiose” nahe, ebenfalls ein Lehnwort aus der Biologie, eng assoziiert mit “gegenseitigem Nutzen”), dann bleibt man a) auf dem Themenfeld der Soziologie, b) fällt es einem wie Schuppen von den Augen.

Ganz ohne den Schwarmbegriff verwenden zu müssen, lässt sich “Gesellschaft” als ein Synchronisierungsprozess beschreiben. Gemeinsame Gewohnheiten, gemeinsame Abmachungen, gemeinsame Ziele, gemeinsame Vorstellungen über Gegenseitige Verpflichtungen – die Gesellschaft benötigt Synchronizitäten, um Gesellschaft zu sein. Um zu „funktionieren“.

Tatsächlich sind an unzähligen Stellen Werkzeuge wirksam, welche die Synchronisation vermitteln. Sprache (Grammatik und Worte) und Mimik sind dabei die Primärquellen. Deswegen ist Kommunikation in alle Synchronisationen involviert.

Dabei es gibt unterschiedliche Gattungen von Transmissionen. Zuerst die informellen, so gut wie unbemerkt ablaufenden Synchronisationen (der Automatismus, mit dem sie zustande kommen, scheint tatsächlich an Fischschwärme zu erinnern. Sodann die Moden aller Art, in denen die Menschen sich gegenseitig auch ihre hohe Synchronisationsbereitschaft zeigen, wenn sie nicht, typisch für Subkulturen, gegen die Mehrheiten opponieren). Und schließlich die in langwierigen kommunikativen Prozessen herbeigeführten, ausformulierten Übereinstimmungen. Deren Wichtigste sind natürlich die Gesetze (“vor dem Gesetz sind alle gleich”).

Der Mensch als geselliges Wesen scheint sich nur wohl zu fühlen, wenn er in wichtigen Dingen nicht völlig dissent lebt und denkt. Umgekehrt kommt die Verbannung und Vertreibung aus dem Freundschaftskreis der Synchronisierten einer Höchststrafe nahe. Für niemanden nütze zu sein, nirgendwo dazuzugehören wird als Verlust des Lebenssinns empfunden und kann bis zum Freitod führen .

Die Abhängigkeit davon, zumindest mit einigen Menschen “die Werte und Auffassungen gemeinsam zu haben”, ist vermutlich der Grund, warum sich kein “psychisch gesunder Mensch” völlig anders verhält als alle anderen.

Das Gegenstück zu den Synchronisationsmechanismen sind daher die Ausgrenzungen, die immer schmerzhaft sind (Gefängnis und Lager, Verachtung, Mobbing, Kündigung, Exkommunikation).

Den Unterschied zwischen dem meiner Meinung nach unnützen Schwarmbegriff und dem überall zu beobachtenden Synchronisationsbemühungen kann man beim Fußballspiel beobachten: Die Spieler folgen alle den gleichen Regeln und werden in zwei “Schwärme” eingeteilt. Danach geht es darum, sich nicht wie ein Scharm zu verhalten, sondern dass die individuell agierenden Spieler sich zu einer starken „Mannschaft“ synchronisieren: „Die Mannschaft hat gewonnen.“

Im Publikum gibt es meist die gleiche Trennung von Schwarm und Kollektiv, das sich synchronisiert verhält – die Orchestrierung wird meistens von Fan-„Gemeinden“ angeleitet.

Nur um ein paar wichtige Beispiele für Synchronisations-Agenten zu nennen: Geld und Preise, Zentraluhr, Kalender, Religion, Schule, Grußformeln und Gesten, deren idealste Handschlag, Umarmung und Kuss sind, alle Rituale von Geburtagfeiern bis Beerdigung, und viele Synchronisationen laufen auch über Ästhetik ab.

Historisch scheint es so zu sein, dass frühe und kleine Gesellschaften sich viel “strenger” synchronisiert hatten als die heutigen Millionen-Konglomerate. Z.B. musste in mittelalterlichen Städten jeder Berufsstand seine Uniform und seinen speziellen Hut tragen, bis hin zum Henker).

Dafür wirken die “Gleichausrichtungen” heute über viel größere Räume, zum Teil global (“Vermassung”).

Ich vermute, die Menschen des 21. Jahrhunderts tiefer miteinander synchronisiert und über riesige Entfernungen hinweg, als das früher vorstellbar war.

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