KI kennt meinen inneren Schütthaufen nicht

Die Künstliche Intelligenz kann mir nicht sagen, was in mir ist. Wenn ein Mensch ohnehin wenig von sich selbst weiß, dann die großen Sprachmodelle noch weniger. Die Schwelle ins Innere des Subjekts ist für sie unübertretbar, so wie ein Mensch vom anderen sicher weiß, was in ihm wirklich vorgeht.

Das klingt selbstverständlich, ist aber „für mich“ der entscheidende Punkt.

KI kennt zum Beispiel kein einziges Wort vom letzten Brief meiner Mutter an mich, bevor sie schließlich verstarb. Die angeblich technische Allwissenheit kann mir auch nicht sagen, wo ich diesen Brief aufbewahrt habe (ich weiß es gerade selbst nicht mehr, ich müsste danach suchen, ein ordentlicher Mensch wurde ich nie genug, und in meinem inneren Kosmos geht es naturgemäß unaufgeräumt zu, möglicherweise sind die menschlichen Zentralsysteme die gesetzlosesten Phänomene im ganzen großen Weltall).

Mein innerer Schütthaufen, auch Haufwerk1 genannt, ist demnach ein unberechenbares Rätsel. Für mich, für die Kognitionswissenschaft, für die Künstliche Intelligenz, für die Menschen, die mich kennen. Schon die Speicherstruktur ist rätselhaft, nur in sehr groben Zügen bekannt, doch im Grunde unbegreiflich, nach welchen Protokollen und wie vielen Protokollen die Erinnerungspartikel und -teile abgespeichert sind. Schon das Wort „abspeichern“ scheint eine Beschönigung der tatsächlichen Komplexität zu sein. Sich etwas merken und wieder vergessen und dann doch wieder erinnern, teilweise, manchmal auch als Falscherinnerung, oder sich erinnern, wenn man daran erinnert wird, etwa durch ein paar Worte, wobei nicht klar ist, was da die Wörter im Gehirn machen.

In meinem Gehirn gibt es jedenfalls einen enorm großen Schütthaufen, von dem kein großes Sprachmodell das Geringste weiß, und weltweit gibt es über acht Milliarden innere Schütthaufen, täglich kommen mehrere Hunderttausend hinzu, während andere sich wieder auflösen.

Die externe Intelligenzunterstützung ist daher zweitrangig, im Wortsinne, sagt meine innere Stimme, die, ich weiß nicht wie, aus dem Schütthaufen herausklingt, während gleichzeitig andere Schütthaufenstimmen zurückgedrängt werden.

Klingt verrückt, dabei bin ich ein rational-unauffälliger Mensch, der durch keine Verrücktheit auffällt.

KI ist zweitrangig, eigentlich drittrangig, wenn man bedenkt, dass sie darauf angewiesen ist, dass Menschen Partikel aus diesen diesen Milliarden Schütthaufen in gefilterte Wörtermeere umformt. Auf dem dritten Platz also, hinter (1) der äußeren Welt, und (2) den inneren Welten.

Und drittrangig ist vielleicht auch noch hoch gegriffen, eher doch viertrangig, denn die KI versteht ja die spärlichen, reduktionistischen Wörtermeere nicht so richtig aus sich selbst heraus, sondern nur nach Umwandlung der Wörter in Zahlen mit zugeordneten Vektoren, die der hochgradig verkünstelten Intelligenz Hinweise geben, in welchen Kontextbeziehungen Menschen die Wörter als sinnvoll verstehen können.

Also, ja, KI ist nur ein viertrangiges Phänomen, aber das ist ja auch etwas, was man ernst nehmen muss.

Ich sehe es durchaus als ein Wunder („Nun danket alle Gott, der große Wunder tut“), dass dieses viertrangige Phänomen meinem luziden Bewusstsein enorm helfen kann, viel klüger zu sein, als es ist, diesem emergenten Zwerg, der oben auf dem Schütthaufen steht, dem tausendfach geschundenen Dach des Gehirns, dessen einzige Sehnsucht Klarheit ist, dem großen inneren Schütthaufen zum Trotz, denn so ein Bewusstsein möchte ja Bewusstsein sein, also sich ständig Dinge bewusst machen, die wichtig (= gefahrvoll) sein könnten.

Die Schlussfolgerung ist einfach und erwartet: Wenn jemand im Wortsinne selbst schreibt (ein anderes Wort für Selbstschreiber ist Autorin/Autor), hat er von der KI keinen Vorteil. KI kann mir nicht bei dem helfen, was in mir ist, nur bei dem, was nicht in meinem Schütthaufen vorhanden ist.

Menschen, die hingegen nicht selbst schreiben (gute Wörter dafür wären Bürokrator/-in oder Tastenbediener/-in) und nur etwas mit Buchstaben fabrizieren, kann die KI sogar das ganze bürokratorische Gehassel mit den Wörtern abnehmen.

Um hierzu den Schlusspunkt zu finden, muss man sich der Sorge stellen: Die Subjekt-Objekt-Beziehung droht sich tatsächlich umzukehren.

Die Gefahr besteht. Philosophen sind besorgt und ich auch, obwohl ich nur ein Bewusstseinszwerg bin.

Die Sorge besteht, dass die Menschen (derzeit noch zweitrangig) nicht mehr die Subjekte ihres Bewusstseins sind, sondern das alle Zwerge auf einen Rang hinter die KI rutschen, indem sie der Legende anheimfallen, ihren eigenen Schütthaufen weniger zu vertrauen als den externen Sprachcomputern.

Die Zwerge fragen sich dann nicht mehr selbst, sondern die Riesenmaschinen, wo sie Urlaub machen möchten, was sie essen möchten, was sie von dieser oder jeder Person halten sollten, ob sie sich von ihrem Mann oder ihrer Frau trennen sollten und alle hunderttausend denkbaren Use-Cases mehr.

  1. Gemisch fester Partikel (granulare Materie in unterschiedlichen Korngrößen), lose vermengt, miteinander verpresst oder verbacken. Kann nur taubes Gestein enthalten, aber auch erhebliche Anteile verwertbarer Erze. Zwischen den Partikeln herrschen Reibung und Adhösion, bei bindigen Haufwerken zusätzlich Kohäsion. Bei unrunden Partikeln wirkt auch Selbstsperrung oder Mikroverklammerung. Dazu kommen elektrostatische Kärfte. Komplexer ist das mechanische Verhalten von unrunden Partikeln. Extrembeispiel ist der Heuhaufen, bei dem das Haufwerk übergeht zum Stapel. Siehe Wikipedia oder Alex Wulf: „Krümelkunde – Gemeinfasssliche Darstellung des Krümelwesens und verwandter Gebiete“ (2016) (online) ↩︎

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