Wir sind in der Ära des Kulminismus, die Kulministen herrschen, seit 2.000 Jahrhunderten endlich angekommen, wir katapultieren uns höher und höher.
Es dauerte solange wegen tausender Rückschritte, meistens wegen Krieg.
Das Wort „Krieg“ bildet daher unzählige Verzweigungen, vom Bruderkrieg, Familienkrieg und Ehekrieg bis Völkerkrieg, Weltkrieg und Krieg gegen die Natur.
Die Menschen sind trotz Krieg und Konflikte nicht dümmer geworden. Im Gegenteil. Die kulturelle Evolution kulminiert, soeben, gleichsam in dieser Sekunde der Endlosigkeit, entgegen dem biblischen Fluch.
Laut hebräischer Bibel soll der König Nimrod den Bau des Turm zu Babel begonnen haben:
„Allmählich verkehrte Nimrod sein Benehmen in Tyrannei, weil er die Menschen leichter von Gott abzuwenden hoffte, wenn sie hartnäckig auf die eigenen Kräfte vertrauten. Er wolle … einen Turm bauen, so hoch, dass die Wasserflut ihn nicht übersteigen könne. So werde er für den Untergang seiner Vorfahren Vergeltung üben. Die Leute fanden die Pläne Nimrods gut, da sie es für feige hielten, Gott weiterhin zu gehorchen. Und so begannen sie mit dem Bau des Turmes.“
In der Bibel, Genesis 11, wird die Geschichte ein wenig anders erzählt:
„Die ganze Erde hatte eine Sprache und ein und dieselben Worte … Sie sagten zueinander: Los, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Kommt schon, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm bis in den Himmel! So haben wir eine Zentrale, wo wir zusammen leben können. Da stieg der HERR herab, um sich die Bauten der Menschen anzusehen. Und der HERR dachte: Aha, ein Volk sind sie und können sich gut verständigen. Und mit diesen Bauten beginnen erst ihre technischen Fähigkeiten. So einig könnten sie ja alles erreichen, was sie sich vornehmen. Auf, steigen wir hinab, verwirren wir ihre Sprache, bis keiner mehr die Sprache des anderen versteht. … die Menschen hörten auf, ihre Projekte gemeinsam für alle zu verfolgen. Seitdem heißt der Ort Babel, Wirrsal, denn dort hat der HERR die Sprachen aller Menschen verwirrt und die Menschen gingen auseinander und zerstreuten sich über die ganze Erde.“
Was man kulturelle Evolution nennt, stelle ich mir als „steigende Konnektivität“ vor. Pferde und Schiffe waren, nach der Sprache, die nächsten wichtigen Instrumente der Konnektivität. Vom Mond aus betrachtet wäre die Entwicklung der Menschheit eine anfangs kaum merkliche, dann immer stärkere Zunahme von Schiffsbewegungen.

Die Verdichtung generierte Ideen, was für sich genommen nichts Gutes ist. Menschen, meistens speziell Männer, haben nicht nur gute Ideen. Zudem sind viele gute Ideen gleichzeitig auch schlechte Ideen.
Mit genügend Erdferne, in der Totalen, sieht man jedoch die Unaufhaltsamkeit der Entwicklungsgeschichte, manchmal rückwärts, dann wieder sprunghaft vorwärts. Letztlich zeigen alle Pfeile auf einen weiteren Anstieg der Konnektivität. Reisen und Buchdruck – die zwei langen Beine der Neugier – sind immer länger geworden. Heute kann man reisen, ohne sich vom Fleck zu bewegen, alles wissen ohne Buch, mit jemanden sprechen, den es nicht gibt.
„And where are we now?“
Die Menschheit scheint zurück im Babel-Turm zu sein, in einem maximal-maximalen Hochbau von allem, was wir sind und haben. Nimrod selbst hat sich multipliziert.
Es sieht für mich so aus, als habe der Turm die Nimrods im Griff. Das Objekt wird zum Subjekt, das Subjekt lässt sich vom Objekt beauftragen. Der Turm kann nicht zusammenfallen, sagt der Turm. Auch das Risikomanagement ist gewaltig, war nie besser als heute. Dieser planetengroße Druck liegt auf dem Jahrhundert, ob das Vertrauen ins Risikomanangement gerechtfertigt ist.
Im Behaviourismus sagt man dazu „Over-Confidence“, übermäßiges Selbstvertrauen. Der feste Glaube an sich selbst. Schöne Sache, wenn man versteht, wem man da eigentlich glaubt.
Vom Mond aus betrachtet sind die Risikothemen dieses Jahrhunderts etwa so groß, wie kurz vor dem Ende von Babel I. Die Aktualität der alten Verfehlungsgeschichten springt mir ins Auge. Gibt mehr davon, Ikarus erzählt ähnlich von der Over-Confidence in die eigenen Wahnsinnstechnologien, Prometheus, die ich rief, die Geister, werd‘ ich nimmer los usw.
(Man könnte einen ganzen zeitgenössischen Novellenkranz auf dieser Welle schreiben,)
Die Menschheit (nicht weniger als das) steht, unübersehbar selbst für die Berufsoptimisten, die mit beiden Händen in die Kassen fassen, vor der Aufgabe, ihre abstrus hoch geschossene Kolossalität zu überleben.
Etwas weniger dramatisch, im Ton der Kulministen selbst gesagt: zu managen. In diesen Jahrzehnten, für die Menschen. Können die Kulmnisten das noch? Einige kapitulieren schon: Wieso denn für alle? Ist das denn funktional im Hinblick auf das weitere Kulminieren?
Alles kulminiert in diesem Jahrhundert: Die Erdbevölkerung, die Naturbeherrschung, das Tempo des technischen Fortschritts, das Wissen in Menge, Tiefe, Detailliertheit, Verbreitung und Erweiterung bis in alle unsichtbaren Energiezustände, die Konnektivität aller Menschen mit allen anderen, die durchschnittliche Lebensdauer, die Ausbeutung des Planeten, die Vernichtung anderer Lebewesen, die medizinischen Fähigkeiten, die Photomacherei, das Nachrichtentempo bis in die letzte Hütte in Südargentinien … eine barocke Litanei der schönen, hässlichen und unbegreiflichen Rekorde. Die Liste selbst tendiert dazu, sich als eine weiter und weiter kulminierende Steilkurve darzustellen.
Wie hoch lässt sich der Turm zu Babel bauen, bevor er zusammenbricht? Und was geschieht am Kulminationspunkt, am „Sättigungspunkt“, bei Erreichen der Himmelsdecke, dem Menschenlimit?
Weiß keiner. Die Utopie der Technologen hat kein Bild. Sie besteht in nichts weiter, als dass die Utopien kein Ende nehmen. Die nicht-technologischen Utopien hingegen gelingen nicht mehr richtig, sind unklar, milchig, strittig, zwiespältig, nischig.
In der Bibel brach die Kulmination zusammen, weil die Menschen sich nicht mehr verständigten konnten.
Paradoxerweise ist die Fähigkeit zur einträchtigen Zusammenarbeit in der Ära des Kulminismus geschrumpft, jedenfalls was die Verständigung über anderes als die technologischen Themen angeht.
Man weiß warum und was die Technologien selbst dazu beigetragen haben.
Und man weiß, womit die Projekte der maximalen Entzweiung gesteuert werden. Menschen gegen andere Menschen aufzuwiegeln war nie leichter als heute. Die Verhängniskraft der Sprache erweist dazu wieder ihre schamfreie Hilfsbereitschaft.
Tausende Jahre nach Babel eignen sich Wörter immer noch am besten, um Missverständigung zu erzeugen, Vernunft zu verkorksen, gute Absichten scheitern zu lassen, Wirrsal zu erzeugen.
Die Heilung der Sprache fehlt noch. Ich weiß nicht, wo sie herkommen soll. Literatur ist noch ein Speicher, mehr nicht. Im Vergleich machtlos wie Würmer. Die Heilung wäre das Menschheitswunder schlechthin.
„Wenn Menschen zusammenkommen, muss man mit Wundern rechnen“, hat Hannah Arendt gesagt. Das ist die Umkehrlehre aus der Babel-Legende. Und wenn sie nicht mehr zusammenkommen, nicht im erforderlichen Weltmaßstab? Dann muss man damit rechnen, dass Deus ex machina ausfällt.
Doch nichts kann ich schreiben, was nicht doppeldeutig wäre. Das gehört zum Wirrsal dazu. Deshalb ist es besser confident zu glauben, dass das Zusammenstürzen ausbleiben könnte.
Eine der mächtigsten Waffen von Diktatoren und faschistischen Bewegungen, meinte der große Historiker Fritz Stern, sei die Überwältigung mit Angst und Sorge, „cultural despair“. Diese Waffe könnte Literatur mithelfen, stumpf werden zu lassen. No reason to get despaired, that the joker to the thieves.
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