René Girards Affen gibt es nicht.

René Girard ahmt die großen Theoriegesten des 19. Jahrhunderts nach. Er wollte, allen Ernstes, den menschichen Beweggründen auf den Grund gehen.

Ich glaube keine Sekunde, dass es eine Theorie gibt, die „den Dingen auf den Grund geht“.

Aber gut. Augenscheinlich gehört Imitieren zu den wichtigen Grundfertigkeiten des Menschen. Kommt bei Tieren auch vor und hängt mit Lernfähigkeit und Intelligenz zusammen.

Ein Mensch ohne einen Funken Imitatio wäre ein Mensch ohne einen Funken Geist, keine Frage.

Das Nachmachen ist jedoch nicht leicht. Daher strebt auch nicht jeder danach, was andere wünschen oder von anderen bewundert wird, gleich nachzunahmen. Nachahmung kann aritifiziell sehr anspruchsvoll sein. Es ist mit der Last des Einübens verbunden. Imitieren ist sogar in den meisten Fällen schwieriger als erfinden.

Paradoxerweise legt das Imitieren auch das Fundament für sein Gegenteil, die Autonomie des Subjekts und die kulturelle Evolution, also für Veränderung. Kein „Original-Künstler“, der nicht erst durch Nachmachen die Fertigkeiten gelernt hatte, die ihm anschließend ermöglichten, eigene Fantasien zu realisieren.

Und das Begehren nach irgendetwas, ein äußerst komplexes „Ding“, wird mitnichten stumm und doof kopiert, nur weil es jemand vorlebt. Natürlich, die „Neidischen“ gibt es, die in sich nichts anderes haben als „so will ich auch leben, den Buttertost will ich auch haben“.

Viele andere, eher die meisten Menschen, gehen auf anderen, oft erstaunlich individuellen Pfaden, die sie nirgendwem abgeguckt haben.

Mir selbst ist der Aufwand, bei irgendetwas den Connaisseur zu spielen, zu hoch.

Und dann gibt es ja auch das Mitgefühl, samt seiner Schwestern wie das Verstehen oder die Einfühlung. Ein komplexes Gefühl, von dem nicht alle Menschen gleich viel haben.

Der Neid, mal wieder ein Hauptwort ohne Plural, also die Vergegenständlichung von etwas, das es als Gegenstand gar nicht gibt (Hattip to Wittgenstein), hat auch mehr Formen und Gründe als nur das Scheitern eines nachempfundenen Begehrens. Es ist ganz sicher kein einfaches „Ding“, sondern hat verschiedene Bauteile, Intensitäten, praktische Folgen.

Das Imitieren verzweigt sich in viele Richtungen, von Handwerk bis zu Mode und Modischsein. Denkt man einen Schritt weiter, oder besser gesagt: beobachtet man die Phänomene im Gegensatz zu Girard lieber außerhalb der Literatur, ist unübersehbar: Neid wird getrieben vom Wunsch, dazuzugehören, Teil einer Gruppe zu sein. Und dieser Wunsch beruht auf der Daseinsnot, dass der Mensch kollaborationsabhängig ist. „Niemand kommt allein zum Ziel“, sagte, meine ich, Goethe irgendwo.

Zitat von Steve Jons - Brief an seine Mitarbeiter
Steve Jobs: Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs über die Kollaborationsbedürftigkeit des Menschen. Fast ein Gedicht wie von Brecht. In diese Richtung sollte man den Text übersetzen.

Immerhin, das Problem der Nachäfferei überhaupt thematisiert zu haben, kann man Girard anrechnen. Natürlich war er nicht der Erste. Psychologen haben haben esvor ihm schon bemerkt und experimentell erforscht, insbesondere die leichte Beeinflussbarkeit von Haltungen, Bewertungen, Einschätzungen. Die Befunde bestätigen, dass Menschen nicht gerne Außenseiter sind, sich geradezu davor fürchten, ohne jede schützenden Gruppenzugehörigkeit zu befinden.

Imitieren ist daher nicht der „tiefste“, letzte „bottom“ der Konfliktträchtigkeit der Menschen. Der Neid ist es auch nicht, obwohl starker Neid zu Hass und Feindseligkeit führen kann.

Da spielen Proportionen eine Rolle, die erwähnte Kollaborationsbedürftigkeit. Die Abhängigkeit davon, unter Menschen zu leben, ihnen gleichberechtigt, gleichbeliebt anzugehören.

Über die Imitatio nachzudenken ist daher nur ein Punkt von vielen zur Frage, wo die Verrücktheit des Menschen herkommt.

Was mich an Girard mächtig stört, ist diese betuppte Selbstüberschätzung, er habe Glanz und Elend des Menschseins aus seiner kleinen Feuilleton-Idee heraus erstmalig und lupenrein wie niemand sonst „systematisch“ erklären können. Der Anspruch ist albern. Seine Apostel sind lächerlich.

Girards Affen gibt es überhaupt nicht, nicht so, wie Girard-Imitateure sich sie vorstellen.

Ein „Denker“ wäre, wer sich auf Schritt und Tritt selbst fragt: Stimmt das überhaupt, was ich da denke, glaube, annehme, in die große Buchform auswalze?

Zum Schluss gestehe ich: Ich bin kein Systematiker. Mir war das Systematisieren immer verdächtig. Es sieht auf dem Papier gut und persuasiv aus, gegen das Licht der Sonne gehalten nicht so richtig. Systematisieren ist, meiner unzureichenden Meinung zufolge, eine der vielen Bärenfallen auf dem Weg „zum Grund der Dinge“.

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