René Girard ahmt die großen Theoriegesten des 19. Jahrhunderts nach. Er wollte, allen Ernstes, den menschlichen Beweggründen auf den Grund gehen.
Ich glaube keine Sekunde, dass es die Theorie des mimetischen Begehrens „den Dingen auf den Grund geht“.
Aber gut. Augenscheinlich gehört Imitieren zu den wichtigen Grundfertigkeiten des Menschen. Kommt bei Tieren auch vor und hängt mit Lernfähigkeit und Intelligenz zusammen.
Ein Mensch ohne einen Funken Imitatio wäre ein Mensch ohne einen Funken Geist.
Und das Nachmachen ist nicht leicht. Daher strebt auch nicht jeder danach, was andere wünschen oder von anderen bewundert wird, sofort nachzunahmen. Menschen filtern zwischen brauche ich nicht, interessiert mich nicht, finde ich nicht schön und „diese Dinge würde ich auch gerne haben“. Nachahmen kann artifiziell sehr anspruchsvoll sein. Es ist mit der Last des Einübens verbunden. Imitieren ist sogar in den meisten Fällen schwieriger als erfinden.
Paradoxerweise legt das Imitieren auch das Fundament für sein Gegenteil, die Autonomie des Subjekts und die kulturelle Evolution, also für Veränderung. Kein „Original-Künstler“, der nicht erst durch Nachmachen die Fertigkeiten gelernt hatte, die ihm anschließend ermöglichten, eigene Fantasien zu realisieren.
Das unsere Wünsche Kopien der Wünsche anderer Menschen seien, ist auch zu kurz gedacht. Das Begehren ist ein äußerst komplexes „Ding“, ist polymorph und entwickelt immer wieder neue Formen, weil es auch das Begehren gibt, nicht so zu sein und zu leben wie andere Menschen. Natürlich gibt die beeinflussbare Nachäfferei, aber nur als Teil komplexer, teilweise widersprüchlicher und lebensgeschichtlicher sehr individueller Motivationen.
Denn es gibt ja noch noch ganz andere Formen der Bezugnahme auf andere: Das Meiden und den Hass, die Scham und den Stolz, das Mitgefühl samt seiner Schwestern wie dem Verstehen oder der Einfühlung und so weiter und so fort. Gefühle dringen auf sehrunterschiedliche Beziehungen, auch zuweilen darauf, gerade nicht zu beghren, was andere sich wünschen.
Der Neid, mal wieder ein Hauptwort ohne Plural, also die Vergegenständlichung von etwas, das es als Gegenstand gar nicht gibt, hat auch mehr Formen und Gründe als nur das Scheitern eines nachempfundenen Begehrens. Es ist ganz sicher kein einfaches „Ding“, sondern hat verschiedene Bauteile, Intensitäten, praktische Folgen.
Das Imitieren verzweigt sich zudem ebenso in viele Richtungen, vom Handwerk, wo es dem Übertragen des „stillen Wissens“ dient, bis zu Mode und Modischsein. Denkt man einen Schritt weiter, oder besser gesagt, beobachtet man die Phänomene anders als Girard lieber außerhalb der Literatur, ist unübersehbar: Neid wird getrieben vom Wunsch, dazuzugehören, Teil der Beliebten zu sein. Dieser Wunsch beruht auf einer Daseinsnotwendigkeit, nämlich der, dass der Mensch kollaborationsabhängig ist. „Niemand kommt allein zum Ziel“, sagte, meine ich, Goethe irgendwo. Deswegen kann der Neid zuweilen gegenüber Menschen in ähnlicher Situation paradoxerweise stärker sein als gegenüber Menschen, die in völlig anderen gesellschaftlichen Rubriken leben.

Immerhin, das Problem der Nachäfferei thematisiert zu haben, kann man Girard anrechnen. Er war dait nicht der Erste. Psychologen haben es immer schon bemerkt, später experimentell erforscht, insbesondere die leichte Beeinflussbarkeit von Haltungen, Bewertungen, Einschätzungen. Die Befunde bestätigen, dass Menschen nicht gerne Außenseiter sind und sich davor fürchten, ohne jede schützende Gruppenzugehörigkeit dazustehen.
Imitieren ist daher nicht der tiefste, letzte „bottom“ der menschlichen Konfliktträchtigkeit. Der Neid ist es auch nicht, obwohl der berühmte nagende Neid Hass und Feindseligkeit hinter sich herziehen kann.
Beim spielen Proportionen eine Rolle (also Gerechtigkeitsgefühle,wenn etwas deutichungerecht erscheint), ferner die Abhängigkeit, das Menschen unter Menschen leben, gleichberechtigt, gleich beliebt, gleich behandelt.
Über die Imitatio nachzudenken klärt nicht die Fragen aller Fragen, wo die Verrücktheit der menschlichen Seele herkommt und warum sich die Menschen so stark davon co-dominiert sind, sich vom Widersinnigen angezogen zu fühlen und sich dem Selbstschädlichen zuzuwenden.
Was mich an Girard stört, und nicht nur bei ihm, ist die betuppte Selbstüberschätzung, er habe Glanz und Elend des Menschseins erstmalig und lupenrein wie niemand sonst „systematisch“ und überzeugend erklären können. Der Anspruch ist albern. Seine Apostel, Peter Thiel und Konsorten, sind lächerlich. Was hat er denn mehr als eine Feuilleton-Idee? Gibt es Girards Affen überhaupt? Ich glabe das nicht. Mir fehlen die Gründe. Und auf keinen Fall sind Menschen solche girardistischen Imitateure, Neidhammel der Gefühle und nichts sonst.
Ein Denker wäre, wer sich auf Schritt und Tritt selbst fragt: Stimmt das überhaupt, was ich da denke, glaube, annehme, in die große Buchform auswalze?
Ich bin kein Systematiker. Das Systematisieren ist mir verdächtig. Es sieht auf dem Papier gut aus, gegen das Licht der Sonne gehalten nicht so richtig. Voreiliges Systematisieren ist eine der Honigfallen auf dem Weg „zum Grund der Dinge“.
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