„Plötzlich“ ist keine Erklärung, ersetzt sie aber oft.
Die Schreibenden lassen immer wieder etwas plötzlich passieren. Das Wort vereinfacht, beschleunigt, dramatisiert.
„Plötzlich küsste er sie“, „plötzlich stach er zu“, „plötzlich dachte er daran“ und so weiter ad infinitum, „plötzlich fiel Mama um und war tot.“
In Wirklichkeit küsst niemand plötzlich. Alles hat eine Entstehungszeit, Gründe und Ursachen, Voraussetzungen, Umstände, Überwindungen.
Bei Elias Hirschl lese ich: „…da begann er plötzlich am ganzen Körper zu zittern“.
Dieses „plötzlich“ ist seltsam. Der Satz beschäftigt sich doppelt mit dem zeitlichen Verlauf. Erst „da begann“, dann „plötzlich“. Eins von beiden ist überflüssig. Entweder: „Da begann er am ganzen Körper zu zittern.“ Oder: „Plötzlich zitterte er am ganzen Körper.“
Gut, Hischl eben. Erspielt ja ohnehin das Spiel, sich im Unklaren aufzuhalten. An dieser Stelle kippt der Ton ins Triviale. Ich sage es mal so: Das scheint mir nicht das Niveau zu sein, für dass das Buch so stak gefeatured wird.
In Dorothee Elmigers „Holländerinnen“ finde ich ein entfernt ähnliches Beispiel:
„Als sie kurze Zeit später wieder losgefahren sei, habe es heftig geschneit, und weit vor ihr, zu ihrer Linken, habe sich dann ganz plötzlich die gewaltige weiße Salzhalde des Kalireviers Werra erhoben.„
Hier ist der Kontext äußerst sublim. Kurz vorher wird ein „Mythen-Projekt“ erwähnt. Und dieses Thema ist der einzige Grund für diesen Satz, der als eine Nebensächichkeit eingeschoben wird. Elmiger entfaltet das angedeutete noch nicht einmal, wie im heftigen Schneegestöber das Fahrzeug langsamer fahren muss, die Augen nicht weit sehen können, die Fahrbahn erfordert fast alle Aufmerksamkeit, und „dann plötzlich“ sieht man, wenn man mal von der Fahrbahn wegschaut, „die gewaltige weiße Salzhalde“, der einem wie ein riesiger Berg Schnee vorkommen könnte.
Dieses grau-weiße, sonnenlichtarme Bild, da hätte mancher ein großes Naturbild gemalt – und das genau wäre im Kontext falsch gewesen. Der Einschub kommt so plötzlich, wie die Wahrnehmung plötzlich war, und dieser damalige plötzliche Anblick hallt offenbar, wie ein Schock, noch nach. Darum geht’s, die Plötzlichkeit der Wahrnehmung von etwas Gewaltigem ist der Sinn des Satzes in dem Buch.
Die zwei unterschiedlichen Perspektiven von „plötzlich“
Bei Hirschl soll etwas „plötzlich“ passiert sein, wie aus dem Nichts. Bei Elmiger ist es andersherum: Lediglich die Wahrnehmung sei „plötzlich“ gewesen.
Der Unterschied ist systematisch. Das kann man sich klar machen, wenn man sich eine geschlossene Tür vorstellt. Oftheißt es dann: „Plötzlich klopfte es an der Tür.“
Wirklich „plötzlich“ ist das Klopfen aber nur für die Person, die drinnen sitzt und das Klopfen hört. Wer immer jedoch anklopft, klopft nicht plötzlich an, sondern eher „endlich“ oder „schließlich“ nach langer Anreise.
Subjektiv-passiv ist „plötzlich“ immer möglich und geschieht einem jeden Tag dutzendfach.
Objektiv-aktiv kann man sich fragen, ob es irgendein „plötzlich“ überhaupt wirklich gibt.
Wahrscheinlich hat es in der deutschen Literatur schon eine Million Mal plötzlich geklopft, obwohl noch kein einziges Mal jemand plötzlich irgendwo angeklopft hat.
Wer anklopft, tut das nie „plötzlich“ – und wer das Klopfen hört, der hat es selten vorhergesehen.
Schwierig mit der Sprache, immer wieder. Sobald sie etwas entschleiert, verschleiert sie es auch. Dies hält „die Dreifaltigkeit der Schreibenden, der Figuren und der Lesenden, also alle am Romangeschehen Beteiligten, auf ihren Wegen. Die Bewusstseinslücken beherrschten das Weltgeschehen. Sie bildeten den Gravitationskern der Normalität,“ wenn ich mich selbst zitieren darf.
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