Die Eitelkeit

Die offene Eitelkeit steht der rückhaltlosen Aussprache weniger entgegen als die versteckte, zurückgehaltene Eitelkeit. Schöner Beweis: Die Tagebücher von Raddatz.

Eitle Menschen wie Raddatz, deren Streben in die Sichtbarkeit oder sogar Auffälligkeit nicht nur auf blanker Dummheit beruht,solche Menschen also sind manchmal weniger langweilig als diejenigen, die bloß nicht auffallen wollen.

Der große Auftritt, die Mittelpunktposition, für andere zum Gespräch zu werden, ist anstrengend. Man muss dafür das Gewöhnliche verschmähen und mehr aussprechen, als andere sich trauen.

Karl Lagerfeld, der literarisch enorm belesen, war ein Prototyp dieser Eitelkeit. Mir fehlt sie, glaube ich, dennoch habe ich gegen die Eitelkeit des Geistes wenig einzuwenden. Nimmt jemand den Gegenpol zum Smalltalk ein, betet keine Allerweltansichten nach, wagt auch mal den Angriff gegen die langweilige Einmütigkeit, finde ich das oft gut.

  • Aber wenn die Eitelkeit ins Schreiben einzieht, wird es praktisch immer fatal.

Bei den einen führt sie zu Krampf (der akademische Slang und alle seine Derivate in Wirtschaft und Gesellschaft), bei anderen zu Murks bis zum restlosen Aufopfern des Verstands. Beispiele gibt es viele. Star-Kolumnisten, Einweihungsreden von Kleinstadtbürgermeistern, Vorworte zu Festschriften etc. ad infinitum.

Die Schriftsteller oder mit dem schöneren Wort gesagt: die Dichter, die noch imstande sind, bei daher gefaselten modisch topaktuellen oder besonders kostbaren Wörtern zusammenzuzucken, suchen dafür ihren eigenen Weg.

Die meisten spüren das Problem nicht. Thomas Mann war in puncto Eitelkeit ohne jede Scham. Er war einer der letzten, die unbedingt großbürgerlich, herrschaftlich sein wollten.

Brecht fand das vornehme Gedrechsel von Anfang an abscheulich. Und lag damit im Haupttrend der deutschen Literatur nach dem ersten Weltkrieg. Heute ist die eloquente Upper-Class-Prosa nur noch Nische. Oft preisverdächtig, aber die breite Leserschaft wird so gut wie nur noch warm mit Büchern, die im aktuellen Umgangston bleiben.

Egal. Zurück zum Thema. Die sprachliche Eitelkeit ist der Punkt, wo ich gerne mehr auf der Hut wäre. Eher öfter als selten tritt mir ein Satz , den ich geschrieben habe, nach wenigen Tagen in den Hintern. Zu gestelzt, zu viele Wörter für null Ertrag, zu viel poliert, daneben gegriffen im Ausdruck, um etwas vermeintlich schön auszudrücken.

Das Ideal wäre uneitel, und trotzdem jenseits des Smalltalks bzw. des Small-Writings.

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