Es gäbe auf TikTok eine „Attentäter-Fanszene“. Noch nie gehört. Jedenfalls nicht bewusst. Demzufolge ein solches Phänomen auch anderswo in den Massen-Social-Media, aber auch in den dunklen Ecken von Telegram.
„Attentäter-Fanszene“ ist neu. Seit wann gibt es das? Die Verehrung von Mördern und Amokläufern, unabhängig von Motiven und Zielen. Wie Fans von Fußballclubs oder Popstars.
Politische Gewalttäter hatten immer Anhänger und Unterstützer. Unterstützer sind politisch sympathiserend.
Sympathisanten: Da bleibt die Hoffnung, dass, bei aller Sympathie, gegenüber dem Morden ein Rest von moralischer Distanz besteht.
Soweit die Fans des Mordens mit einer politischen Haltung verbunden sind, kennt man die Szenerie vorwiegend aus den Weltgegenden, in denen der Waffenhandel blüht. Wo jeder junge Mann, der will, eine Maschinenpistole haben kann. Man kennt diese Zivilisationsstörung von den diversen Faschismen, vom islamistischen bis zum nihilistischen Faschismus aus den USA. Die Attentäter-Fanszenen breiten sich offenbar aus.
Die polymorphe Amoralität (Lügen, Gewalt gegen Frauen, Kryptobetrug, „abzocken“, was auch immer) ließ sich aus beziehungs- und gewaltgestörten jungen Männern zu allen Zeiten herauskitzeln. Etwas zu tun, ohne nachzudenken, ob es für andere gut oder nicht gut sei. Etwas nur für sich tun. Ganz und gar den eigenen Willen sich austoben lassen. Unreflektiert die normative Reflexion abknallen. Beweisen, was Macht letztlich ist. Waffenmacht.
Künstler und Gewaltfans – liegen sie weit auseinander? Literarisch fallen mir „Die Gesänge des Maldoror“ von Lautréamont ein, doch grundsätzlich gibt es haufenweise Romane, in denen Autoren aufs Vergnügen aus sind, und sonst nicht viel.
Fiktionen gelten per se als harmlos, weswegen die Kunst alles darf und niemand soll sie aufhalten, einschränken, einsperren. Die Freiheit der Kunst ist auch mein „Fetisch“, der Haken ist, was denn Kunst wäre und was man der Gewalt-Fanszene zurechnen muss. Lautréamont schrieb:
„Meine Poesie wird aus einem einzigen Angriff bestehen, geführt mit allen Mitteln gegen den Menschen, diese reißende Bestie, wie auch gegen den Schöpfer, der solch ein Ungeziefer niemals hätte erschaffen dürfen. Bände auf Bände werden sich türmen bis ans Ende meines Lebens, und doch wird man darin immer nur diesen einzigen, meinem Bewusstsein dauernd gegenwärtigen Gedanken finden.“ (2. Gesang, 4. Strophe).
André Gide sah in Lautréamont, laut Wikipedia, den „Schleusenmeister der Literatur von morgen.“
„Ich könnte deinen jungfräulichen Leib mit eisernem Arm emporheben, dich bei den Beinen packen und dich um mich kreisen lassen wie eine Schleuder, dann, eine letzte Kreislinie beschreibend, alle meine Kräfte konzentrieren, um dich gegen die Mauer zu schmettern.“ (Auch aus dem 2. Gesang)
„Schleusenmeister“ stimmt mehr, als man möchte. Richtiger wäre wohl zu sagen, er war einer der Ersten, der die Schleusen passiert hat.
Die Dämme der Zurückhaltung gibt es nur noch als schwach eingehaltene Regularien. Hunderte Millionen, wer weiß wie viele es wirklich sind, fühlen sich jenseits aller moralischen Vernunft zu Hause. Jeder kann Fan von Brutalität sein, wie sie oder er mag. Filme, TV, Gaming, Romane.
Ein texanischer Politiker bringt schon mal öffentliche Hinrichtungen von politischen Gegner „ins Gespräch“.
Die „Wonnen der Grausamkeit“ finden sich in der Kampfsprache auf Social Media, durch die Prosumenten der Gewalt, und die wollen dann eben, wie Konzeptkünstler, auch einmal praktisch realisieren, was sie im Kopf haben.
Kunst und Literatur stehen ratlos daneben. Können sie irgendeine Bildkraft für die Humanität retten? Wenigstens die Wiederherstellungspunkte der Humanität sichern?
Es gibt größere Wonnen als die Wonnen der Grausamkeit. Die meisten Menschen sind keine „Ungeheuer“. Die Orgien des Pessimismus sind auch eine Form von billiger Obszönität, für die Verzweiflung als politisches Propagandaprodukt.
Lautréamont hat sich in dieser Hinsicht auch ausgetobt. Die Menscheit sei kaputt, deshalb ist es nicht unmoralisch, wenn man Fan des Tötens ist. Das Böse töten kann ja nicht schlecht sein, oder?
Das Durchdrehen des pessimistischen Sentiments ist brutal. Die Menschheit bräuchte ein neues Neues Testament.
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