„Die Wonnen der Grausamkeit“

Es gäbe auf TikTok eine „Attentäter-Fanszene“. Noch nie gehört. Jedenfalls nicht bewusst. Demzufolge ein solches Phänomen auch anderswo in den Massen-Social-Media, aber auch in den dunklen Ecken von Telegram.

Anhänger und Unterstützer hatten politische Gewalttäter immer. Unterstützer snd politisch sympathiserend.

Sympathisanten: Das Wort lässt eine gewisse Hoffnung bestehen, dass sie, bei politisch ähnlicher Haltung, gegenüber der Gewalttat einen Rest von moralischer Distanz spürten.

„Attentäter-Fanszene“ würde ein historisch neuartiges Phänomen bezeichnen: Verehrende Anhänger von Mördern und Amokläufern, unabhängig von irgendeiner Motivlage, vergleichbar den Fans von Fußballclubs oder Popstars.

Soweit das mit irgendeiner politischen Haltung verbunden wäre, wäre es der nihilistische Faschismus. In den USA an den Rändern sowie, sprachlich veredelt und verkapselt, bei einigen Milliardären zu beobachten. Nicht nur gewaltbereit, sondern gewalthungrig.

Das Spaß haben an polymorpher Amoralität (Lügen, Gewalt gegen Frauen, Kryptobetrug, „abzocken“, was auch immer) ließ sich aus beziehungsgestörten jungen Männern zu allen Zeiten herauskitzeln.

Literarisch fällt mir dazu „Die Gesänge des Maldoror“ von Lautréamont ein.

„Meine Poesie wird aus einem einzigen Angriff bestehen, geführt mit allen Mitteln gegen den Menschen, diese reißende Bestie, wie auch gegen den Schöpfer, der solch ein Ungeziefer niemals hätte erschaffen dürfen. Bände auf Bände werden sich türmen bis ans Ende meines Lebens, und doch wird man darin immer nur diesen einzigen meinem Bewusstsein dauernd gegenwärtigen Gedanken finden.“ (2. Gesang, 4. Strophe).

André Gide sah in Lautréamont, laut Wikipedia, den „Schleusenmeister der Literatur von morgen.“

Nun ja, stimmt immerhin mehr, als man möchte.

Die Schleusen sind tatsächlich aufgegangen: Erst real, dann gespielt – die „Wonnen der Grausamkeit“ finden sich in der politischen Kampfsprache auf Social Media, im Gaming, in Krimis, Horrorfilmen etc. – – – – und nun erneut real durch Prosumenten der Gewalt.

Um dahin zu kommen, musste erst einmal Facebook, Twitter, Tiktok erfunden werden.

Was André Gide sich nicht vorstellen konnte: Es gibt keine Schleusenmeister mehr. Die Politik muss eingreifen, sagt jetzt wenigstens die europäische Politik.

Kundt und Literatur stehen ratlos daneben. Können sie Humanität retten? Wenigstens Wiederherstellungspunkte sicher abspeichern?

Die Antwort liegt im Säuseln des Winds. Und der hat natürlich nicht die Geringste.

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