„Plötzlich“ ist keine Erklärung, ersetzt sie aber oft.
Die Schreibenden lassen schnell mal Großes und Unerhörtes ganz plötzlich passieren. Das Wort vereinfacht Ihnen die Qual mit der Genauigkeit, beschleunigt eine Handlung, kürzt eine Darstellung ab und dramatisiert.
„Plötzlich küsste er sie“, „plötzlich stach er zu“, „plötzlich dachte er daran“, „plötzlich war es elf Uhr nachts“, und so weiter bis „plötzlich fiel der Mann um und war tot.“
In Wirklichkeit küsst niemand plötzlich, niemand fällt plötzlich tot um. Alles hat eine Entstehungszeit, Gründe und Ursachen, Voraussetzungen, Umstände, innere Widerstände und Überwindungen.
Ein Beispiel, das ich bei Elias Hirschl lese: „…da begann er plötzlich am ganzen Körper zu zittern“.
Ein seltsamer Satz. Klingt nach Kinderbuch, Trivialroman oder dergleichen. Warum ist das so? Der Satz beschäftigt sich doppelt mit dem zeitlichen Verlauf. Erst „da begann“, dann „plötzlich“. Eins von beiden ist überflüssig. Entweder: „Da begann er am ganzen Körper zu zittern.“ Oder: „Plötzlich zitterte er am ganzen Körper.“ Und eben durch diese aufgedunsene Zeitangabe erinnert er innert die Stelle an Omas Erzählungen für Kinder – verwunderlich, weil sogar der Wunsch nach einer Erklärung übersprungen wird, das heißt, das Verwunderliche soll man glauben.
(Kafka literarisch intelligenter und wirkungsvoller, wenn er gerade seine Wunderlichkeiten langsam zu Bewusstsein kommen lässt und möglichst offenlässt, ob nicht vielleicht doch eine natürliche Erklärung hinter den Unerklärlichkeiten stünde. Damit fordert er die Erklärungssuche heraus, statt sie wegzunebeln.)
Gut, Hischl spielt wohl Spielchen mit der Unklarheit der Tatsächlichkeiten. Warum in dieser Tonlage, weiß ich nicht. Mir gefällt sie nicht.
In Dorothee Elmigers „Holländerinnen“ finde ich einen erhellenden Vergleichsfall:
„Als sie kurze Zeit später wieder losgefahren sei, habe es heftig geschneit, und weit vor ihr, zu ihrer Linken, habe sich dann ganz plötzlich die gewaltige weiße Salzhalde des Kalireviers Werra erhoben.„
Hier ist der Kontext äußerst sublim. Kurz vorher wird ein „Mythen-Projekt“ erwähnt. Die Beschäftigung mit dem Thema des Mythos ist der Grund für diesen Satz, der Elmiger wie eine Nebensächlichkeit in die Erzählung zugemengt hat. Sie lässt die Gelegenheit aus, das angedeutete Bild zu entfalten, unterschlägt es geradezu. Die Lesenden müssen hier selbst aktiv werden: Heftiges Schneegestöber, man sieht nicht weit, nicht so klar wie am hellen Tag, muss langsamer fahren, die Fahrbahn steht im Fokus, und „dann plötzlich“, erinnert sich die Frau, hätte sie von der Fahrbahn nach links geblickt und „die gewaltige weiße Salzhalde“ wahrgenommen, die einem, wie sonst soll man das sich vorstellen, in diesem Schneegestöber wie ein riesiger Berg Schnee vorgekommen sein müsste.
Ein sonnenlichtarmes Bild, alles weiß-grau-dunkelgrau, da hätte manche ein „Nature-writing“-Ding gemalt – doch im Kontext wäre das falsch gewesen. Der Einschub muss nur kurz aufblitzen, weil die Wahrnehmung selbst plötzlich war, und dieser plötzliche Anblick hallt, wie die Choks bei Walter Benjamin, in der unwillkürlichen Erinnerung nach. Darum geht’s, um das plötzliche Eindringen von etwas Gewaltigem, Als-Ob-Mythischem.
Die zwei Perspektiven von „plötzlich“
Bei Hirschl soll etwas „plötzlich“ passiert sein, wie aus dem Nichts, man glaubt diese Märchenbuch-Magie des plötzlichen Ereignisses kaum – ein Schreibtrick. Bei Elmiger ist es andersherum: Lediglich die Wahrnehmung geschieht „plötzlich“ und bekommt subjektiv etwas Magisches.
Den Unterschied zwischen Plötzlich I und Plötzlich II versteht man sofort, wenn man sich eine geschlossene Tür vorstellt, wie sie schon tausendfach erzählt wurden: „Plötzlich klopfte (oder klingelte) es an der Tür.“
Wirklich „plötzlich“ ist das Klopfen aber nur für die Person, die drinnen sitzt und das Klopfen hört. Wer immer anklopft, klopft nicht plötzlich an, sondern „endlich“, „schließlich“, „entschlossen“, „wie es ihm geraten worden war“ usw.
Das passive Plötzlich ist normaler Alltag. Dauernd bemerkt der Mensch etwas plötzlich, was er vielleicht schon Jahre vorher bemerkt haben könnte. Dem Gehirn kommt jeder kleine Frontallappen-Gedanke plötzlich vor, obwohl im Untergrund des Bewusstseins der Denkapparat vielleicht schon die ganze Nacht darauf herumgekaut hat. „Oh, yesterday came suddenly …“
Beim objektiven Plötzlich muss man soweit gehen, sich zu fragen, ob es überhaupt etwas „Plötzliches“ wirklich gibt, in den Märchenbüchern und schlechten Romane natürlich, aber sonst?
Schwierig mit der Sprache, immer wieder. Wenn sie etwas entschleiert, verschleiert sie es auch. Man kommt nicht um die Ausdeutungspflicht herum.
Aber egal, die Sache mit dem Schreiben und Lesen klappt, pragmatisch betrachtet, sehr gut, manchmal überragend, und die Bewusstseinslücken, wie sie schon in einem banalen Zeitadverb einschleichen können, eher oft als selten, diese Bewusstseinslücken halten die Dreifaltigkeit der Schreibenden, der Figuren und der Lesenden, also aller am Romangeschehen Beteiligten, auf ihren ihren von vielerlei Illusionen schummrig beleuchteten Wegen. Die Bewusstseinslücken scheinen mir das Weltgeschehen zu beherrschen, geben ihm seine wuchtige Dramatik. Sie bilden, hochtrabend gesagt, den Gravitationskern der Normalität. Wir fallen in die Lücken wie Äpfel zu Boden.
Und jetzt fällt mir PLÖTZLICH ein, warum nicht früher, Karl-Heinz Bohrer, der liebte das Plötzliche, das Unerklärliche, in der Kunst und Literatur, als Garanten der ungezügelten Willkürherrschaft der ideologisch anti-konformen Kunst. Die ungezähmte Plötzlichkeit, die aufrührt, aber nicht platt politisch, das Schreiben außerhalb der Käfighaltung.
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