Plötzlich – was heißt das überhaupt?

Plötzlichkeit ist ein schwieriges Wort. Es enthält keine Erklärung, wird aber oft dazu genutzt, zu suggerieren, es gäbe oder brauche keine weitere Erklärung.

In jedem Trivialroman kommen haufenweise Sätze vor, in denen „plötzlich“ etwas geschieht. Und vielen anderen Romanen und Sachbüchern auch, obwohl vermutlich nicht in so plumper Häufung. „Plötzlich küsste er sie“, „plötzlich stach er zu“, „plötzlich dachte er daran“.

Oder „da begann er plötzlich am ganzen Körper zu zittern“ (E. Hirschl, „Schleifen“).

In Wirklichkeit küsst niemand plötzlich. Was plötzlich erscheint, hat zuallermeist eine innere Vorbereitung, einen Grund mit einer Entstehungszeit. Bei Hirschl ist „plötzlich“ seltsam, für meinen Geschmack ärgerlich, weil die eigentlich überflüssige Verdopplung der Beschäftigung mit dem zeitlichen Verlauf („da begann“ plus „plötzlich“) die gedankliche (!) Flüchtigkeit noch stärker spürbar macht – Schreiben ohne nachzudenken.

Gut, Hischl eben. Der scheint ein Spiel zu spielen mit der literarischen Öffentlichkeit, mit der Publikumswirksamkeit. Der Ton ist trivial. „Muss bewusst sein.“ Wer sich an der sprachlichen Sorglosigkeit stört, der hat die Ironie nicht verstanden.

In Dorothee Elmigers „Holländerinnen“ finde ich ein Beispiel für ein gut genutztes „plötzlich“:

„Als sie kurze Zeit später wieder losgefahren sei, habe es heftig geschneit, und weit vor ihr, zu ihrer Linken, habe sich dann ganz plötzlich die gewaltige weiße Salzhalde des Kalireviers Werra erhoben.“

Plötzlich hier wie in „plötzlich klopfte es“, also in der Perspektive einer Wahrnehmung. Und subjektiv ist jede Plötzlichkeit möglich. Denn „plötzlich“ hat wie jedes Phänomen zwei Perspektiven: aktiv und passiv. Wer anklopft, tut das nie „plötzlich“ – und wer das Klopfen hört, der hat es selten vorhergesehen.

Bei Elias kommt es mir ganz klassisch getextet vor, das heißt unbedacht. Bei Elmiger möglicherweise auch, weil „erheben“ die Bewegung der Fahrens fortsetzt und die Beobachtung zudem „weit vor ihr“ zu sehen war – „ganz plötzlich“ bringt, für meinen Geschmack, eine Verunschönerung in diesem Satz.

Ich gleite ab. Ich wollte zentral auf einen anderen Punkt hinaus, dass „plötzlich“ oft daherkommt wie eine Ursache. Tatsächlich sind die Zeitadverbien nur der Kleister des Erzählens.

Die zeitlichen Abfolgen in unseren Lebenserzählungen sind tatsächlich eher die Löcher, in denen die Illusionen Platz nehmen („Die Illusion der Biografie“, Pierre Bourdieu). Ich würde fast sagen, mit Dann und Dann und Irgendwann beginnt oft das Bekloppte, das Ideologische, das Überpinseln der Bewusstseinslücken.

Noch etwas, wo ich gerade bei den Zeitwörtern bin. Jenseits des Eintrübungsworts plötzlich beginnen die Zeitadverbien spezifisch bei augenblicklich, sekündlich und minütlich, gehen weiter den Kalender durch mit täglich, wöchentlich, monatlich bis jährlich und beenden dann ihre Spezifität, um sich im Ungefähren zu verlieren: langsam, allmählich. Langsam wird das Ei fest (= ca. fünf Minuten), langsam wächst der Baum (= ca zehn Jahre), langsam zerfällt das Weltall.

Theoretisch nützliche Zeitadverbien wie „jahrzehntlich“ oder „jahrhundertlich“ gibt es dagegen nicht.

Das Wort plötzlich steht zu all diesen eben genannten Zeitadverbien im Kontrast. Das Wort neigt dazu, das Geschehen einzutrüben und die Genauigkeit und Klarheit zu behindern. Meistens nur ein rhetorisches Wort, selten ein wahres Wort. Ein Wort für Schwadroneure.

Plötzlich kann sich minütlich, stündlich, über Tage, Wochen und Jahrzehnte vorbereitet, in der Luft gelegen haben, erwartet worden sein.

„Plötzlich begann Hitler den Krieg,“ „plötzlich überfiel Russland die Ukraine,“ „plötzlich starben die Bienen“, „plötzlich setzte der Klimawandel ein.“

Nur Wahrnehmungen und Unfälle kann man als wirklich plötzlich bezeichnen.

Jedes andere Plötzlich enthält eine Geschichte.

Viele Autorinnen und Autoren mühen sich mit dem Beschreiben dieser Geschichten ab. Mit der Archäologie der vergrabenen Gründe. Filigran, granular. Mikroskopische Introspektionen.

Das Zerkleinern, Ausbreiten und Reflektieren der Details kann vom „Trompetenform“ verschlungen werden, zäh und unbefriedgend geraten. Schreiben ist schwierig, auch weil es so leicht fällt.

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