Circa 1979/80 strickte ich mir unter der Bank im Physikunterricht des Lehrers Glasbach eine Theorie, dass es ein erstes Verstehen und ein Verstehen zweiten Grades gäbe, dann ein Verstehen dritten und vierten Grades, und so weiter entlang einer allmählich dicker werdenden Linie der Komplexitätsstufen. Die Stufen entsprachen den jeweils logisch nächsten Fragen. Das aufgeklärte Gespräch käme so immer, manchmal sehr bald, auf die Stufen der fehlenden Antworten. Du beginnst mit banalen ersten Antworten, gehst weiter zum Gutheißen von Vermutungen, und gerätst schließlich in enge, lichtlose Gassen, wo hinter allen Fenstern Rätsel wohnen, die du nicht lösen kannst und wahrscheinlich niemals jemand lösen kann. „Warum tut der Glasbach, was er tut?“ führte von den sachlichen Angaben („weil er Physiklehrer ist“) automatisch zu den nächsten Graden, bis für dich klar war, dass auch der persönlich gut ausrechenbare Glasbach ein durch und durch rätselhafter Mensch war. Schon ab Grad 2 zweigten eine Vielzahl unterschiedlicher Pfade ab, immer eine Menge n+1, weil es immer einen weiteren unbekannten Pfad gab, der einem nicht eingefallen war. So fanden sich zur Frage, warum Glasbach Physiklehrer geworden sei, diverse Abzweigungen, zunächst die Selbstauskünfte von ihm, wie „Physik fand ich immer besonders objektiv“, dann jedoch die eventuellen „wahren“ Motive wie dem, er habe Freude am Unterrichten junger Menschen, ihm sei nichts Besseres eingefallen, ihm ginge es eigentlich um die unterrichtsfreie Zeit für seine Hobbys, seine Freundin oder seine Eltern hätten ihn zu dem Beruf überredet oder er hätte seinen bösen Spaß daran, andere von oben herab zu belehren. Klang etwas gut und richtig, war dies natürlich nie das Ende, sondern der Beginn zu weiterem Nachbohren.
So ergab sich ein immer dicker werdender Trompetenwurm, den ich mir mit Tintenkuli hinten ins quergelegte Physikheft malte, worüber ich in Druckbuchstaben schrieb: „Der Wurm des Verstehens ist unendlos groß wie das von seiner inneren Mitte aus betrachtete Universum.“
Hinterlasse einen Kommentar